Keine Zeit für eine Klausurtagung?

Es ist 16:45 Uhr.

Der Bürgermeister kommt mit einer neuen Idee aus einer Besprechung.

Die Amtsleitung erinnert an die drei Projekte, die eigentlich längst Priorität haben.

Im Personalamt wartet eine schwierige Personalentscheidung.

Das Bürgerbüro meldet Personalmangel.

Der Bauhof braucht eine Investitionsentscheidung.

Und der Sitzungskalender der nächsten Wochen ist bereits voll.

Also macht man weiter wie bisher.

Ein bisschen hier.
Ein bisschen dort.

Nur eines passiert nicht:

Jemand nimmt sich die Zeit, gemeinsam zu überlegen, was wirklich wichtig ist.

Diese Situationen kenne ich nicht nur aus den Verwaltungen, deren Klausurtagungen ich begleite.

Ich bin selbst Beamtin und Personalleiterin in einem Rathaus. Ich kenne den Verwaltungsalltag mit all seinen Herausforderungen: knappe Haushalte, Fachkräftemangel, politische Entscheidungen, steigende Anforderungen und den täglichen Spagat zwischen Pflichtaufgaben und neuen Projekten.

Genau deshalb bin ich überzeugt: Klausurtagungen sind im öffentlichen Dienst kein Luxus. Sie sind eine Investition in bessere Zusammenarbeit, klarere Entscheidungen und eine Verwaltung, die nicht nur reagiert, sondern gestaltet.

Wir arbeiten alle viel – aber arbeiten wir auch am Richtigen?

Diese Frage stelle ich mir selbst immer wieder.

Denn Arbeit gibt es in einer Verwaltung immer genug.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, gemeinsam zu entscheiden, welche Themen wirklich Priorität haben.

Genau dabei kann eine Klausurtagung helfen.

Sie schafft den Raum, den der Verwaltungsalltag oft nicht zulässt.

Einen Raum zum Nachdenken.

Zum Diskutieren.

Zum Zuhören.

Und manchmal auch zum Umdenken.

Ein Blick in die Praxis

Ich werde häufig gefragt, wie eine Klausurtagung eigentlich abläuft und ob sich der Aufwand überhaupt lohnt.

Meine Antwort lautet fast immer:

Man muss sie erlebt haben.

Denn die eigentliche Wirkung entsteht selten durch Präsentationen oder Moderationsmethoden.

Sie entsteht in den Gesprächen.

Dann, wenn Führungskräfte plötzlich die Perspektive der anderen verstehen, gemeinsam Prioritäten setzen oder den Mut haben, lange unausgesprochene Themen offen anzusprechen.

Ich begleite Klausurtagungen nicht nur als Moderatorin.

Ich sitze selbst in Leitungsrunden, diskutiere über Stellenpläne, begleite Haushaltsberatungen und kenne die Herausforderungen, vor denen Rathäuser heute stehen.

Die folgenden Beispiele stammen aus meiner eigenen Praxis. Aus Gründen der Vertraulichkeit habe ich sie anonymisiert und teilweise zusammengefasst.

Vielleicht erkennen Sie Ihre eigene Verwaltung an der einen oder anderen Stelle wieder.

Praxisbeispiel 1: Die Wand voller Projekte

Bei einer Klausurtagung bat ich alle Führungskräfte, ihre laufenden Projekte auf Moderationskarten zu schreiben.

Nach zwanzig Minuten war eine komplette Pinnwand gefüllt.

Digitalisierung.

Personalgewinnung.

Straßensanierungen.

Feuerwehr.

Kindertagesstätten.

Gebäudeunterhaltung.

Klimaschutz.

Arbeitsschutz.

Organisationsentwicklung.

Und vieles mehr.

Dann stellte ich nur eine Frage:

„Welche dieser Projekte sind für unsere Verwaltung in den nächsten zwölf Monaten wirklich entscheidend?“

Es wurde still.

Nicht, weil niemand eine Antwort wusste.

Sondern weil allen bewusst wurde, dass wir häufig alles gleichzeitig erledigen wollen.

Am Ende blieben nur wenige Projekte übrig.

Nicht, weil die anderen unwichtig gewesen wären.

Sondern weil eine Verwaltung ihre Kräfte bündeln muss.

Allein diese Erkenntnis nahm spürbar Druck aus der Runde.

Praxisbeispiel 2: Wenn der Haushalt plötzlich alle betrifft

Jedes Jahr beginnt in den Rathäusern die Haushaltsplanung.

Oft plant zunächst jedes Amt für sich.

Jeder meldet seinen Bedarf an.

Jeder hat gute Argumente.

Doch irgendwann kommt der Kämmerer mit einer Botschaft, die niemand gerne hört:

Das Geld reicht nicht.

Ich bin überzeugt, dass genau hier eine Klausurtagung enorm wertvoll sein kann.

Warum nicht einmal alle Führungskräfte gemeinsam auf den Haushalt schauen?

Nicht, um gegeneinander um Mittel zu kämpfen.

Sondern um gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.

Ich habe erlebt, wie sich die Stimmung in einer solchen Klausurtagung verändert hat.

Plötzlich wurde deutlich, welche Pflichtaufgaben finanziert werden müssen.

Warum Investitionen verschoben werden.

Warum eine Stelle zunächst unbesetzt bleibt.

Warum nicht jeder Wunsch erfüllt werden kann.

Eine Führungskraft sagte am Ende:

„Jetzt verstehe ich endlich die Entscheidungen der letzten Jahre.“

Dieser Satz zeigt, worum es geht.

Transparenz schafft Verständnis.

Und Verständnis erleichtert auch schwierige Entscheidungen.

Gerade in Zeiten, in denen viele Kommunen finanziell unter enormem Druck stehen, halte ich gemeinsame Haushaltsklausuren für eines der wirkungsvollsten Führungsinstrumente.

Praxisbeispiel 3: Der Konflikt, der eigentlich keiner war

In einer Klausurtagung arbeiteten zwei Fachbereiche ihre gegenseitigen Erwartungen heraus.

Vorher war jede Besprechung geprägt von Vorwürfen.

„Die liefern nie pünktlich.“

„Die verstehen unsere Arbeit überhaupt nicht.“

Nach zwei Stunden wurde deutlich:

Beide Bereiche wollten dasselbe.

Sie hatten nur nie offen darüber gesprochen, welche Erwartungen sie aneinander hatten.

Als diese ausgesprochen wurden, veränderte sich die Atmosphäre im Raum spürbar.

Nicht, weil plötzlich alle einer Meinung waren.

Sondern weil endlich Verständnis füreinander entstanden war.

Praxisbeispiel 4: Der Satz, den ich immer wieder höre

Fast jede Klausurtagung endet mit einem ähnlichen Satz.

Mal vom Bürgermeister.

Mal von einer Amtsleitung.

Mal von einer Führungskraft.

„Warum haben wir das eigentlich nicht schon viel früher gemacht?“

Jedes Mal muss ich schmunzeln.

Denn genau das ist der eigentliche Erfolg einer Klausurtagung.

Nicht das Protokoll.

Nicht die Flipcharts.

Sondern die Erkenntnis, dass man sich viel früher Zeit hätte nehmen sollen, gemeinsam über die wirklich wichtigen Themen zu sprechen.

Warum ich Klausurtagungen begleite

Ich moderiere Klausurtagungen nicht als Beraterin, die Verwaltung nur von außen kennt.

Ich bin Teil einer Verwaltung.

Ich kenne die Zwänge.

Ich kenne die politischen Rahmenbedingungen.

Ich weiß, wie schwierig Personalentscheidungen sein können.

Ich kenne Haushaltsberatungen, Stellenpläne, Fachkräftemangel und die Herausforderung, trotz immer neuer Aufgaben handlungsfähig zu bleiben.

Vielleicht gelingt es mir gerade deshalb, schnell Vertrauen aufzubauen.

Weil ich dieselbe Sprache spreche.

Weil ich weiß, wovon Führungskräfte sprechen.

Und weil ich nicht mit fertigen Lösungen komme.

Meine Aufgabe ist es, den Rahmen zu schaffen, in dem Bürgermeister, Amtsleitungen und Führungskräfte ihre eigenen Lösungen entwickeln können.

Denn die besten Ideen entstehen selten durch eine externe Beraterin.

Sie entstehen fast immer in der Verwaltung selbst.

Manchmal braucht es nur jemanden, der das Gespräch in die richtige Richtung lenkt.

Mein Fazit

Klausurtagungen kosten Zeit.

Fehlende Abstimmung kostet meistens deutlich mehr Zeit.

Gerade in finanziell schwierigen Zeiten können sie dazu beitragen, Prioritäten zu setzen, den Haushalt gemeinsam zu tragen, Verständnis füreinander zu entwickeln und Entscheidungen transparenter zu machen.

Für mich sind Klausurtagungen deshalb weit mehr als ein Termin im Kalender.

Sie sind eine Investition in gute Führung, gute Zusammenarbeit und eine leistungsfähige Verwaltung.

Und genau deshalb begleite ich sie so gerne – nicht nur als Moderatorin, sondern auch als Kollegin aus dem öffentlichen Dienst.

Ihre Ilona Vogel, Coach und Führungskraft im öffentlichen Dienst

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